Redebeitrag zu vier Anträgen zur Gestaltung von Bildung in Krisensituationen wie der Corona-Pandemie:

https://www.rbb-online.de/imparlament/berlin/2021/7–januar-2021/7-januar-2021—69–Sitzung-des-Berliner-Abgeordnetenhauses/maja-lasi_–spd—top3.html

„Lehren und Lernen aus und nach der Corona-Krise“ (FDP-Antrag)

„Infektionsschutz und Planungssicherheit in Schulen“ (CDU-Antrag)

„Kinder verdienen den Schutz der Gemeinschaft“ (AfD-Antrag)

„Bildung trotz Pandemie garantieren“ (FDP-Antrag)

Rede im Wortlaut

Allein der Blick in die dringlichen Anträge der Opposition reicht eigentlich, um zu verstehen, wie kompliziert die Lage aktuell ist. Von dem kompletten Beharren auf
Schulschließungen bei der CDU bis zur vollständigen Öffnung bei der AfD oder eben das abwägende Modell in der Mitte von der FDP – es ist alles dabei. Und nicht nur bei den Anträgen der Opposition ist alles dabei, auch in meinem Posteingang ist alles dabei: Eltern, die sofort zur vollständigen Präsenz zurück wollen, Eltern, die ausschließlich Homeschooling machen wollen. Wenn ich
mein Handeln ausschließlich an den Bürgerwünschen orientieren wollte, wüsste ich nicht, zu welcher Seite ich kippen müsste. Es ist alles dabei.

Auch wir als Koalition werden heute durchaus unterschiedliche Schwerpunkte in unseren Reden legen. Und auch die Debatte innerhalb meiner Fraktion verläuft bei dem Thema gerne mal emotional. Es erscheint fast unmöglich, Klarheit darüber zu haben, was das Richtige in der heutigen Zeit ist. In der Abwägung der Zielkonflikte – zwischen der Maximierung des Gesundheitsschutzes
und des Rechts auf Bildung – kann man niemals alles richtig machen. Man kann nur priorisieren.

In der gestrigen Positionierung des Senats wurde klar, dass wir den Stellenwert der Bildung sehr hoch halten. Ja, wir glauben, dass in einem harten Lockdown die Schulen die ersten sind, die öffnen müssen – Schritt für Schritt und unter Einhaltung der Hygienevorgaben, aber als erste. Ich begrüße dabei, dass der Blick nicht ausschließlich auf die Abschlussklassen gerichtet ist, sondern zeitgleich auch auf die Kleinen, unsere Erst- bis Drittklässler. Statt sechs Wochen Distanz zur Schule werden wir Mischformen erleben, bei denen regelmäßiger Kontakt zur Bildungseinrichtung gehalten wird. In den Zeiten der harten Beschränkungen ist dies das Maximale an Präsenz, das zumutbar ist, aber es ist auch das Mindeste, was notwendig ist, um die Folgen für die soziale und die emotionale Entwicklung der Kinder nicht zu sehr zu gefährden. Mit Blick auf die Kinder unserer Stadt, für die Lernen zu Hause eine nicht bewältigbare Aufgabe ist, sage ich: Der Schritt, der nächste Woche beginnt, ist notwendig. – Und damit meine ich nicht das Fehlen der Endgeräte, denn die 50 000 Endgeräte sind endlich da. Ich meine damit, dass wir sehr viele Kinder haben, für die Lernen ausschließlich in Präsenz stattfinden kann, weil das selbstangeleitete Lernen eine Kompetenz ist, die man Schritt für Schritt erlernen muss, und viele unserer Schülerinnen und Schüler können dies noch nicht.

Jetzt werden diese Kinder wenigstens jede Woche für mehrere Stunden ihre Bezugspersonen sehen. Eine Kontinuität wird gewährt. Bei denen, die noch nicht lange in Deutschland sind, wird sichergestellt, dass die Sprachentwicklung nicht zurückfällt. Dies ist wichtig. Die Folgen einer langen Abwesenheit von Schule sind groß und kaum messbar. Ich weiß, dass viele in diesem Raum diese Priorisierung nicht teilen. Ich glaube aber fest, dass sie richtig ist. Also ist alles gut? – Natürlich nicht! Was am Montag mit dem Lernraum passiert ist, hätte so niemals passieren dürfen. Auch die nachträgliche Erklärung hilft zwar zu verstehen, wie stark die Belastung durch die hohen Nutzerzahlen ist, reicht jedoch für eine Entschuldigung nicht. Wir können zwar keine absolute Sicherheit geben, was die zukünftige Entwicklung des Virus betrifft, eine Sicherheit durch Stabilität unserer Angebote ist jedoch ein Muss. Ich hoffe, dass zukünftige Tage alle wie gestern sein werden, an dem 64 000 Nutzer problemlos ihren digitalen Schulalltag im Lernraum verbringen konnten und mehrere Hackerangriffe zeitgleich abgewehrt werden konnten, und nicht wie am Montag, als stellenweise das gesamte System ausgefallen ist. Uns stehen noch schwierige Monate bevor, verbunden mit einer vagen Hoffnung, dass rgendwann Normalität einkehren wird. Ich hoffe, dass wir weiterhin abwägend und die Folgen für alle beachtend diese schwierigen Monate gemeinsam durchstehen.

– Vielen Dank!

Quelle: https://www.parlament-berlin.de/de/Dokumente/Plenarmaterialien